Statt „Content“ braucht es Substanz und Relevanz!

Kompetenzteamleiter am ZIM-BB, Thorsten Murr, im Interview über Social Media und Inhaltsleere im Internet

Thorsten Murr, Kompetenzteam-Leiter am ZIM-BB: "Macht es bitte nicht irgendwie, macht es richtig!"

Thorsten Murr, Kompetenzteam-Leiter am ZIM-BB: „Macht es bitte nicht irgendwie, macht es richtig!“

In seinem Branchenumfeld gilt Thorsten Murr als Verfechter der klassischen Marketing-Kommunikation. Seiner Meinung nach versteifen sich die Unternehmen heutzutage zu sehr auf die Jagd nach Likes und Freundschaften auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken.

 

Dabei vernachlässigen sie die eigentlichen Grundpfeiler ihres Schaffens.
Am Rande eines Experten-Workshops am ZIM-BB in Berlin, im Januar 2013, trafen wir Thorsten Murr zu einem Interview.

Bei dieser Gelegenheit erklärte er einige seiner Vorstellungen von guter Kommunikation, die Wichtigkeit des Handwerks und die Für und Wider des richtigen Umgangs mit Social Media.

Herr Murr, was haben Sie für ein Problem mit Facebook?

Ich habe doch kein Problem mit Facebook. Diese Plattform ist ein schönes Medium, das sehr vielen Menschen Spaß macht. Wie das Fernsehen auch oder in den Urlaub fahren. Ich bin ja selbst, sehr gerne, auf Facebook. Lediglich die Versäumnisse und die Nachlässigkeít mancher Nutzer im kommerziellen Kontext stören mich.

Sie lehnen es also nicht ab?

Nein, überhaupt nicht. Facebook betrachte ich als generationsübergreifenden, multimedialen Spielplatz.

Also doch etwas Gutes?

Grundsätzlich ja. Facebook ist mehr als ein soziales Netzwerk, wo ich Freunde finden, Sachen posten und Däumchen verteilen kann. Es ist eine Möglichkeit, Content direkt zu bewerben und Feedback von den Leuten zu bekommen.

Sie meinen, dass es dort viel Potenzial für Marketing- und Werbefachleute gibt?

Definitiv. Was ist Werbung denn anderes, als mit seinen Kampagnen dorthin zu gehen, wo möglichst viele der Menschen sind, die ich erreichen möchte. Die Vorteile von Facebook und seiner rund eine Milliarde User ist ja, dass man schnell eine große Zielgruppe erreichen, diese differenzieren und segmentieren kann.

Für nicht wenige gehören Facebook und Werbung ja nicht zusammen …

Ach bitte, wer das sagt, kennt die Funktionsweise der klassischen Medien wohl nicht. Private Unterhaltung, wie in den Rundfunkmedien, wird durch Werbung finanziert. Soziale Netzwerke wie Facebook funktionieren ähnlich, auch wenn sie als Medium weitaus interaktiver sind. Der User switcht nicht zwischen Kanälen, sondern zwischen den Profilseiten.

Wo wir von Wahrnehmung sprechen. Denken Sie nicht, dass der Trubel, den Facebook und Co. mit sich bringen, das Freundschaften pflegen, das Liken, das Posten, das Updaten, von der eigentlichen täglichen Arbeit ablenkt?

Dieser Trubel gehört doch dazu, er ist Ausdruck der Kommunikationskultur der heutigen Generation. Die Menschen sind viel mehr eventorientiert, wollen möglichst viel, am besten immer gleich alles, simultan erleben. Man kann hier schon von einer Art der Eventkommunikation der heutigen Zeit sprechen.

Sie meinen, dass dieses „Alles-zur-selben-Zeit-laufen-Lassen“ Teil unseres heutigen Lebensgefühls ist?

Ja, alle wollen immer on sein. Oder sie glauben, dass sie das müssen.Das gibt den Marketern riesige Chancen, immer dabei zu sein. Andererseits lenkt aber genau dies auch von der eigentlichen Marketing-Aufgabe ab. E-Mails schreiben und beantworten, Infos posten – für nicht wenige Unternehmer, also Start-ups wie gestandene Agenturen, sind „Freunde“ und Likes plötzlich wichtiger geworden, als ein konzeptionell aussagekräftiges Konzept. Alle hecheln nur noch ihrer Online-Show hinterher und vergessen, dass sie den Menschen Inhalte vermitteln wollen.

Als würden sie dabei ihr Handwerk vernachlässigen?

Ja, so in etwa. Ich meine, die Oberfläche, das eigene Facebook-Profil, ist nicht so wichtig wie die Tiefe und die Substanz, von dem, was ich da vermarkte oder mitteile. Jeder will natürlich den neuesten Trend starten, etwas Virales ankurbeln. Aber schauen wir uns doch einige Kampagnen an. Völlig daneben.

Wirklich so schlecht?

Wie es der berufsbedingt weitsichtige amerikanische Sci-Fi-Autor Theodore Sturgeon so trefflich formulierte: „Neunzig Prozent von allem ist Mist.“

Dann sind Soziale Netzwerke also schädlich für die Branche?

Ich kann es nur noch einmal betonen. Es geht um Substanz und Handwerk, das Vermögen, Inhalte zu transportieren. Gutes Marketing lebt von relevanten Inhalten, von geschickter Öffentlichkeitsarbeit und von konkretem Content im Allgemeinen. Diese Komponenten gehören eingebunden in ein griffiges und nachhaltiges Konzept, in multimediale Szenarien, die den Rezipienten begeistern und an einer Idee festhalten lassen. Im Übrigen mag ich den inflationären Begriff Content überhaupt nicht, er sollte durch Substanz ersetzt werden.

Und Sie denken, dass diese Grundlagen im sozialen Netzwerk verloren gehen?

Beunruhigend oft, ja. Die Barriere zwischen Internet und Social Media schwindet zunehmend.

Sie meinen, beide werden zu Einem?

Genau. Meine persönliche Prognose lautet, dass die Grenzen schon jetzt zunehmend verwischen. Irgendwann wird die Bezeichnung Social Media zum Synonym für das Internet, wie wir es kennen, werden.

Haben Sie irgendwelche Änderungsvorschläge, um diesen Zustand zu verbessern?

Nur einen: Macht es richtig! Wer sich an klassischen Prinzipien zur Gestaltung von Kommunikation orientiert, der kann viel Gutes und Nachhaltiges schaffen.

Nachhaltiges schaffen?

Ja. Gute Ideen, die gut umgesetzt werden, begeistern nicht nur. Sie bleiben haften. Auch in meinen Workshops und auf Experten-Treffen predige ich immer die heiligen drei Begriffe: Konstanz, Konsistenz und Konsequenz.

Und das gilt auch im Internet?

Ja, hier ganz besonders. Aber ganz gleich, ob im Internet, auf Plakaten oder in der Zeitung, die Klassik ist immer dieselbe. Das Internet ist nur ein Medium, in dem wir unsere Inhalte transportieren. Aber niemand sollte den Fehler begehen, zu glauben, er würde fürs Internet schreiben, arbeiten, konzipieren. Er oder sie richtet sich an die Menschen, die vor den Rechnern sitzen.

Auch wenn einem deren Aufmerksamkeit nur für eine Millisekunde gehört?

Sehen Sie, ich bin heute hauptsächlich, zumindest zu einem großen Teil, als Texter tätig. Und aus dieser Erfahrung weiß ich, dass gute Kommunikation wie ein Slogan funktionieren sollte. Ein gut erdachter und durchdachter Slogan, der bleibt im Bewusstsein. Und das nicht bloß bis nächste Woche. Er wird vielleicht nicht von allen spontan als „Der Brüller“ wahrgenommen, aber er wird sich über lange Zeit behaupten.

Interview/Redaktion: Mike Albrecht

Fotos: Janine Schulz

Das Zentrum für innovatives Marketing Berlin Brandenburg, ZIM-BB, bietet, auch in diesem Jahr, wieder Workshops im Bereich Online-Marketing an. Diese Veranstaltungen sind für Profis, wie auch Quereinsteiger eine gute Gelegenheit, sich in der Branche zu orientieren und vor allem vom Austausch mit Experten zu profitieren. So auch mit Thorsten Murr, Kompetenzteam-Leiter für Kommunikation und Szenarien am ZIM-BB.

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